Aus dem Leben algerischer Aktivisten… ein Aufschrei der Hilflosigkeit

von Birgit Manzke

Im Interview mit Khaled B. (Name geändert)

Khaled B., ein junger Mann dessen Leben so ganz normal begann. Als Sekretär arbeitete er einst, mehr oder minder zufrieden, in einer algerischen Behörde, bis zum Tag X als dem jungen Mann schlagartig klar wurde, dass in diesem System irgendetwas schief läuft. Einer seiner besten Freunde erhängte sich. Dieser Mann hatte sein junges Leben im Alter von 24 Jahren aufgegeben, weil er weder Job noch Geld noch Wohnraum besaß – kein Einzelfall, denn täglich sterben Menschen in Algerien, die ihrem Leben freiwillig ein Ende setzen, wie auch vor einigen Monaten eine Mutter, die sich mit ihrem Baby selbst in Brand setzte, weil sie nach der Scheidung ihren Wohnraum verloren hatte. Der plötzliche Tod seines Freundes ließ Khaled B. erkennen, dass es für ihn fortan unmöglich sein würde, diesem System weiterhin zu dienen. Khaled B. schloss sich Menschenrechtsorganisationen und einer Arbeitergewerkschaft in Algerien an. Der erst Schritt für ein reines Gewissen gegenüber seinen Landsleuten und der erste Schritt, fortan – als Terrorist und Krimineller, von den algerischen Behörden abgestempelt zu werden. Die Treibjagd begann. Entlassen und chancenlos auf einen Job, kämpft sich dieser Mann durchs Leben, Sozialhilfe steht ihm nicht zu und Arbeitslosengeld gibt es für Menschen wie Khaled B. auch nicht. Sein Leben besteht nun daraus – aufgrund seiner Aktivitäten in den Organisationen, ständig vom Geheimdienst DRS beschattet oder verhört zu werden. In einem heruntergekommenen Gebäude hatte ich die Möglichkeit mit ihm zu sprechen, es war das Gebäude seiner Arbeitergewerkschaft, in irgendeiner Gemeinde des großflächigen Algeriens. Abgetragene Kleidung, trauriger Blick… und doch flammte immer wieder ein Funken Feuer in seinen Augen auf, wenn es darum ging mir zu berichten, dass eine Veränderung in Algerien möglich sei. Mit fast glanzlosen Augen und auf dem Fußboden kauernd erzählt er mir seine Geschichte. Details die ich erst veröffentlichen werde, wenn sie von Amnesty International oder  deutschen Politikern aufgegriffen wurden und Khaled B. unterstützt wird, denn der Mann steht bereits zum wiederholtem Male mit einem Bein im Gefängnis und eine Vorabveröffentlichung würde ihn auf direktem Wege wieder dorthin befördern.

Fragen durch interessierte Helfer bitte via E-Mail an mich!

„Khaled von was leben Sie, Sie müssen doch essen und irgendwie leben?“, war meine Frage an Khaled B. Khaled senkte den Kopf, er hatte – aus Scham, Mühe mir in die Augen zu sehen. „ Manchmal esse ich und manchmal nicht!“, war seine erschütternde Antwort. Ich fragte nicht weiter, denn der Anblick dieses Häufchen Elends sprach seine ganz eigene Sprache und bedarf keiner weiteren Ausführungen. „Wir haben täglich mit Repressalien zu rechnen, ständig wird einer von uns verhaftet und – entweder vom Geheimdienst oder von der Polizei, verhört. Man bedroht uns und unsere Familien, zu Zeiten von Aktivitäten können wir unsere Familien manchmal über Wochen nicht sehen und schlafen entweder hier im Gewerkschaftshaus oder bei Freunden.“ Khaled B. zeigte mir sein Nachtlager, es war eine alte Matratze, die in irgendeinem Raum des Gewerkschaftshauses auf dem Boden lag. „Ich wurde erst kürzlich verhaftet und über neun Stunden vom Geheimdienst verhört, man wollte mich einschüchtern und sprach sogar Morddrohungen aus. Man wollte mich zu Aussagen nötigen, um einen Grund zu haben, mich wieder ins Gefängnis zu stecken. Sie fragen mich nach einem Reisepass? Nein einen Reisepass habe ich nicht, nicht jeder bekommt bei uns einen Reisepass und Menschen wie ich erst recht nicht. Wir leben hier in einem Gefängnis, einem Gefängnis aus Mauern, Angst vor Repressalien und einer lethargischen Bevölkerung, die den Glauben an Veränderung schon fast aufgeben hat und somit willenlos fast alles akzeptiert. Besonders nach den Parlamentswahlen, nachdem nun alle internationalen Wahlbeobachter weg sind, geht das Martyrium für uns Aktivisten weiter – ich würde sogar sagen, es hat sich verschärft.“ Sein Blick erhellte sich wieder, als er davon sprach, wie er weiterhin kämpfen wird: „ Dieser Kampf ist meine Lebensaufgabe geworden“, sprach er mit stolzer Stimme, „wir geben nicht auf, nein wir geben unser schönes Vaterland nicht auf. Mein Großvater starb für unser Vaterland und ich werde ihm notfalls folgen!“ – waren seine letzten Worte.

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Ein Gedanke zu “Aus dem Leben algerischer Aktivisten… ein Aufschrei der Hilflosigkeit

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