Tunesien nach der Revolution: Ein Land versunken im Chaos

 

von Birgit Manzke

 

Bereits vor einem Jahr, war es den Tunesiern von ihren Gesichtern abzulesen, dass der Zustand – nach der Revolution, für sie unerträglich zu sein scheint. Einige äußerten es öffentlich, andere wiederum sagten nichts oder nur hinter vorgehaltener Hand. Im vergangenen Jahr erzählte mir ein Student – welcher sich ein Zubrot als Kamelführer für Touristen verdingte, dass er sich die Zeiten von Ben Ali zurückwünscht. Als ich wieder in Deutschland war, diskutierte ich mit einem tunesischen Politikwissenschaftler – der in Deutschland studiert hat, über die Erfahrungswerte meiner Reise und er versuchte mir das Erlebte zu widerlegen. „Den Tunesiern geht es jetzt besser,“ meinte er. Dieses Mal reiste ich nicht als Pauschalurlauber, um in Erfahrung zu bringen, was denn nun wirklich los ist, im Traumurlaubsland der Deutschen. „Café Champion“ – Tunis, Treffpunkt vieler Intellektueller, darunter jede Menge Journalisten. Im Gespräch mit Kollegen, fragte mich plötzlich eine junge Journalistin: „ Was denkst du über Mohamed Bouazizi?“ Ich antwortete: „ Was soll ich sagen, er war der Anfang von allem und trieb die Revolution durch seine Selbstverbrennung voran und dies ist gut so.“ „Oh nein,“ sagte sie entsetzt, „alles ist viel Schlimmer jetzt, Tunesien versinkt im Chaos. In Zeiten von Ben Ali hatten wir Sicherheit, aber nun ist jeder sich selbst überlassen. Die Salafisten machen uns Probleme und keiner schreitet ein.“ Der Ist-Zustand, frei nach dem Motto: Ihr habt die Islamisten gewählt, nun seht zu wie ihr mit ihnen fertig werdet. Ich versuchte der jungen Frau zu erklären, dass der Weg – eine Demokratie aufzubauen, lang ist und das selbst wir in Deutschland, nach mehr als dreiundzwanzig Jahren deutscher Wiedervereinigung, noch mit Problemen zu kämpfen haben und das die Gehälter zwischen Ost- und Westdeutschland immer noch unterschiedlich sind und der Osten dadurch benachteilige ist. „ Was?“, sagte sie entsetzt, „mehr als dreiundzwanzig Jahre? Diesen Zustand halten wir hier keine zwei Jahre mehr aus. Wenn das Demokratie ist, dann will ich keine Demokratie.“ Tunesien sucht derzeit Unterstützung beim großen Nachbarn Algerien, die Zusammenarbeit ist gut und man ist enger verbündet denn je, gemeinsam gegen den Terror durch religiöse Fundamentalisten, hat man auf Führungsebene einen Weg für gute Zusammenarbeit gefunden. Wie bereits vor einem Jahr, findet man auf allen Ausfahrtstraßen – raus aus Tunis Richtung Süden, Polizeikontrollen. Ich habe dieses Mal nicht gefragt warum, aber ich denke, das Problem wird das gleiche sein wie im Vorjahr, Güter – die die Tunesier eigentlich für ihre Selbstversorgung dringend brauchen, werden außer Landes nach Libyen geschafft, weil man dort einen höheren Gewinn erzielt. Nichts ist wirklich in Ordnung und wenn man nicht gerade nur die Sehenswürdigkeiten und bekannten Plätze von Tunis besichtigt, beziehungsweise besucht und sich stattdessen in den Randgebieten aufhält, bekommt man die Armut mit voller Wucht zu spüren – selbst Menschen in guter beruflicher Position, fristen eher ihr Dasein, als dass man von einem normalen, angenehmen Leben sprechen kann. Zudem scheint unerträgliche Angst vor Repressalien durch Islamisten zu herrschen. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Freund, welcher mit mir über Gott sprach. Er fragte mich: „ Birgit, glaubst du an Gott?“ Ich antwortete: „ Ja, natürlich.“ Plötzlich sprang er auf und schloss die Fenster. Flüsternd sagte er: „ Ich glaube nicht an Gott, denn wenn es einen Gott geben würde, dann gäbe es nicht so viel Elend und Unrecht auf der Welt.“ Ich sagte: „He mein Freund, warum schließt du die Fenster, es ist heiß.“ Ängstlich antwortete er: „ Niemand darf wissen, dass ich so denke, niemand darf es hören, ich bekomme große Probleme.“ Ich war geschockt. Was ist also los in Tunesien? Hat das Volk nun begriffen, dass der Weg, „Ennahda“ zu wählen, falsch war oder reflektiere ich nur die intellektuelle Schicht Tunesiens und Menschen, die als Einzelne dem Westen zugewandt sind? Die nächsten Wahlen werden es zeigen. Die Tunesier erscheinen derzeit als unbeugsames Volk, sie sind den ersten Schritt in Richtung Demokratie gegangen und wenn sie verstehen die Dinge richtig umzusetzen und der Westen Tunesien – auf seinem derzeit holprigen Weg – unterstützt, dann hat dieses Land eine reale Chance in Freiheit und Eigenständigkeit zu existieren. Nicht nur deutsche Touristen sollten Geld nach Tunesien bringen, sondern Deutschland sollte echte Aufbauhilfe leisten, was ebenso Unterstützung und Aufklärung – über die von uns gelebte Demokratie, beinhaltet. Es gibt kein perfektes System, aber man kann in einem Land – wo der Wille zur Demokratie herrscht, durch Vorbildfunktion und echtes Engagement viel bewirken, wenn man die richtige Hilfestellung gibt und auch den Weg für Investitionen freimacht. Tunesien wünscht sich Zusammenarbeit und keine Bevormundung und auch der Westen muss lernen als Partner und nicht als wirtschaftliche Übermacht aufzutreten. Wenn der Westen dies verstanden hat, dann werden auch die Islamisten im Nichts verschwinden, denn so wie ich die Tunesier erlebt habe, sind sie alles andere als konservativ oder in irgendeiner Form fundamentalistisch geprägt, sie suchen derzeit nur einen Rettungsanker und Menschen mit geringer Bildung finden diesen in Rettungsanker im übertriebenen Ausleben ihrer Religion – Demokratie hat demzufolge nur eine Chance, wenn man andere Möglichkeiten aufzeigt und genau dies ist die Aufgabe unserer Politiker.

tunis-platz der revolution

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