Algerische Polizei verhindert Gedenkfeier an ermordeten Präsidenten Mohamed Boudiaf – um die hundert Festnahmen

von Birgit Manzke

Verschiedenste Verbände, Aktivisten oder einfache Bürger wollten Boudiaf auf dem Friedhof El Alia (östlich von Algier) gedenken, aber leider kam es schon im Vorfeld zu Verhaftungen. Mitglieder der Organisation Demokratische und Soziale Bewegung (Mouvement démocratique et social – MDS) wurden bereits am Eingang ihres Hauptquartiers verhaftet, bevor sie auch nur einen Schritt in Richtung Friedhof machen konnten. MDS – eine Bewegung, die der Sozialistischen Partei (Parti de l’avant garde socialiste – PAGS) entsprungen ist. Im Rahmen der Verhaftungsserie, wurden alleinig bei MDS an die hundert Aktivisten festgenommen, sowie 10 Mitglieder der Bewegung der Unabhängigen Jugend für Veränderung (Mouvement de la Jeunesse Indépendante pour le Changement – MJIC) welche direkt am Friedhof festgenommen wurden – das genaue Ausmaß aller Verhaftungen ist derzeit nicht bekannt. Was hatten die Aktivisten von MJIC verbrochen? Sie legten einen Kranz  nieder und streiften sich anschließen T-Shirts ihrer Organisation über, mit dem Schriftzug: „Wer tötete Mohamed Boudiaf?“ Eine berechtigte Frage, aber das Volk soll weiterhin die vorgekauten Floskeln schlucken – Hinterfragen nicht erlaubt! Zur Gedenkfeier an „Si Tayeb El Watani“ – wie die Algerier Boudiaf nennen – hatte MJIC für den gestrigen Tage aufgerufen. Die Worte, des MJIC Gründers Abdou Bendjoudi, waren in seinem Aufruf von Ehrfurcht und Liebe geprägt, als er via Facebook die mehr als 500 Teilnehmer seiner Veranstaltung „Hommage á Mohamed Boudiaf“ noch einmal ermutigte, Stärke zu demonstrieren und sich nicht – durch eventuelle Repressalien, abschrecken zu lassen und auch wirklich dieser Veranstaltung beizuwohnen.

Seine Worte: „Unser Vater, unser Maßstab, unser ganzer Stolz … Der große Mudschaheddin Si Tayeb El Watani, einer der Führer der algerischen Revolution, ein Staatsmann und Diener seines Volkes, ein Präsident vom Volk geliebt, am 29. Juni 1992 in Annaba ermordet, von Jägern des Lichts.
Aufruf: Kommen Sie, um Mohamed Boudiaf zu ehren zum Friedhof von El Alia, am 29. Juni 2013 ab 11:00 Uhr.“

Heute kann man nur voller Bestürzung feststellen, dass selbst eine Gedenkfeier an den Lieblingspräsidenten der Nation nicht mehr möglich ist. Wer war Präsident Boudiaf, dass so viele Menschen – auch noch nach 21 Jahren, bereit sind sich Repressalien auszusetzen, um ihm zu gedenken? Mohamed Boudiaf war der Präsident der Herzen, er war Mitbegründer der Nationalen Befreiungsfront  (Front de Libération Nationale – FLN), welche Algerien 1962 in die Unabhängigkeit von der Kolonialherrschaft durch Frankreich führte. Noch im selben Jahr zersplitterte die FLN und einige ihrer Führungskräfte änderten den Kurs, um eigene Parteien zu gründen, was blieb, war der Name FLN mit Anhängern, die nach und nach nichts mehr mit dem anfänglichen Sinn und Grundgedanken dieser Partei zu tun hatten – bis heute! Mohamed Boudiaf gründete – kurz nach der Unabhängigkeit, die Untergrundpartei Partei der Sozialistischen Revolution (Parti de la Révolution Socialiste – PRS), deren Anhänger vom herrschenden FLN-Regime verfolgte wurden, man inhaftiert Boudiaf – der nach seiner Freilassung nach Marokko ins Exil ging, um im Februar 1992 – auf Anfrage des Militärs, zurückzukehren. Ein Führungsgremium – unter der Kontrolle des Militärs – ernannte Mohamed Boudiaf zum Vorsitzender des Hohen Staatsrates Algeriens, nachdem die Wahlen zuvor,wegen des zu erwartenden Wahlsieges der Islamistischen Heilsfront ( Front Islamique du Salut – FIS), annulliert wurden – was Anfang der 90ger den Bürgerkrieg in Algerien ausgelöst hatte. Sein Sohn Nacer Boudiaf, Autor der Buches „Autopsie d’un assassinat“ (Autopsie eines Mordes) und Präsident der Partei Patriotische Nationale Vereinigung (Rassemblement Patriotique National – RPN), äußerte einst den französischen Medien gegenüber, dass sein Vater 1992 Angst hatte nach Algerien zurückzukehren, er wusste was auf ihn zukommen könnte wenn er ablehnt und er wusste ebenso gut was auf ihn zukommen könnte, wenn er das Angebot – als Präsident seine geliebte Heimat zu regieren, ausschlägt – Boudiaf in der Zwickmühle! Am 29.06.1992 wurde Präsident Mohamed Boudiaf, auf einer Konferenz in Annaba, kaltblütig vor laufenden Kameras ermordet – seine Amtszeit währte nur 4 Monate. Die offizielle Version der algerischen Regierung besagt bis heute, dass Mohamed Boudiaf von seinem Leibwächter Lembarek Boumaarafi erschossen wurde, dessen Motiv einen islamistischen Hintergrund hatte, die inoffizielle und auch glaubwürdigere Version besagt jedoch, dass diese Ermordung von ganz hoher Stelle angeordnet wurde. Mohamed Boudiaf wollte Köpfe korrupter führender Generäle rollen lassen, Islamisten für diese Bluttat verantwortlich zu machen, passte wie häufig ins Konzept und man war sich somit der herzlichen Anteilnahme und Unterstützung durch das Ausland sicher. Bis zum heutigen Tage ist dieser Präsident der Präsident der Herzen und selbst die junge Generation – welche die Amtszeit von Boudiaf nicht miterlebt hat, spricht mit Ehrfurcht von „Ihrem“ Präsidenten.

mohamed boudiaf

Videoaufnahmen von MJIC!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s