Algerischer Bürgerkrieg Anfang der 90er: Wiederholt sich in Ägypten algerische Geschichte?

Analyse von Birgit Manzke

Das Volk jubelt, nach wochenlangen Straßenschlachten, wurde am gestrigen Tag Ägyptens Präsident Mursi vom Militär entmachtet. War dieser Weg – der Ablösung Mursis – tatsächlich das Erstreben aller Freiheitskämpfer, welche all die Monate immer und immer wieder, auf dem Tahrir-Platz und in den Straßen von Kairo, ihrem Unmut Luft machten? Und was könnten nun die Konsequenzen sein. Mohammed Mursi war der erste demokratisch gewählte Präsident, der Militärputsch gegen ihn ist ein deutliches Zeichen dafür, wie ernst die Lage in Ägypten ist und wer tatsächlich die Fäden in der Hand hält. Ähnlicher Verlauf Anfang der 90er in Algerien. Bereits in den 80er Jahren, machte sich Wut und Trauer in der algerischen Bevölkerung breit. Die von Präsident Chadli Bendjedid eingeführte marktwirtschaftliche Politik, ließ soziale Ungleichheiten und immer mehr Verarmung entstehen, mit dem anfänglichen Wirtschaftswachstum war es vorbei und ein idealer Nährboden für Islamisten entstand. In Algerien als auch in Ägypten ist zudem zusätzlich eine Misslage gegenüber ethnischen Minderheiten zu verzeichnen, was besonders nach dem Sturz von Muhammad Husni Mubarak – in Ägypten – zu einer Spaltung innerhalb der Gesellschaft führte. Betrachten wir nun die Entwicklung im Algerien der 90er Jahre: Der eigentliche Bürgerkrieg begann im Dezember 1991, als die algerische Regierung – nach dem ersten Wahlgang bei den Parlamentswahlen, einen Wahlsieg der Islamischen Heilsfront FIS zu befürchten hatte. Das Ergebnis wurde sofort annulliert, man fürchtete Machtverlust und die Entstehung eines Gottesstaates. Am 11.Januar 1992 erklärte die Armee das bisherige Wahlverfahren für nichtig und zwang den amtierenden Präsident Chadli Bendjedid zum Rücktritt. Für eine kontrollierte Übergangslösung, setzte man nun Mohamed Boudiaf als Vorsitzenden des Hohen Rates ein. Der Unabhängigkeitskämpfer Boudiaf kehrte – nach langen Jahren im marokkanischen Exil, auf Anfrage des Militärs in sein Heimatland zurück und wurde vier Monate nach Amtsantritt ermordet. Boudiaf war einer der Leitfiguren im algerischen Befreiungskrieg gegen die Kolonialmacht Frankreich und besaß großes Ansehen bei der Bevölkerung – man wollte somit Wohlwollen demonstrieren – so recht freiwillig, kann man seine Rückkehr nach Algerien jedoch nicht bezeichnen.

Mohamed Boudiaf ging in den 60er Jahren ins Exil, da er den Grundsätzen, der nun regierenden Partei Nationale Befreiungsfront – FLN, nicht mehr folgen wollte. Er gründete – kurz nach der Unabhängigkeit, die Untergrundpartei Partei der Sozialistischen Revolution – PRS, man inhaftierte Boudiaf und verfolgte die Mitglieder seiner Partei.

Am 4. März 1992, wurde nun offiziell die Islamische Heilsfront FIS aufgelöst – was einen Kampf im Untergrund zur Folge hatte. Nachdem die Gefängnisse durch Verhaftung von Tausenden von FIS-Anhängern überfüllt waren, errichtete man zusätzlich Folterlager in der Sahara. Seit dem Staatsstreich, wurden Folter, Hinrichtungen und Verschwindenlassen zur gängigen Praxis der algerischen Sicherheitskräfte und Geheimdienste – die Opferzahlen schwanken zwischen 60.000 und 200.000 Menschen. In Algerien herrschte mehr als 19 Jahre Ausnahmezustand, welcher erst am 24.02.2011 – durch den amtierenden Präsidenten Abdelaziz Bouteflika, aufgehoben wurde. Es bleibt abzuwarten, wie sich nun die Situation in Ägypten entwickeln wird, Fakt ist, dass sich sowohl die anfängliche Grundlage als auch die Form der Machtübernahme sehr ähneln. In Algerien ist bis heute keine Ruhe eingekehrt und aufkeimender Widerstand wird direkt in seinen Anfängen erstickt – sowohl der Widerstand durch Islamisten, als auch der Widerstand durch Menschenrechtler von Gewerkschaften und NGOs.

ägypten im freudentaumel

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