Algerien: Kritische Journalisten mundtot machen

nonvon Birgit Manzke

Man darf weder schweigen noch ignorieren und ebenso wenig wegschauen, wenn Journalisten an ihrer Arbeit gehindert werden sollen! Die Fälle,  in denen algerische Journalisten verfolgt, gedemütigt oder sogar inhaftiert werden, häufen sich in letzter Zeit leider dramatisch.

 

Fall 1 – Abdessami Abdelhai:

Journalist seit 16 Monaten im Gefängnis.

Seit 18. August 2013 sitzt der algerische Journalist Abdessami Abdelhai in Tebessa im Gefängnis: Keine Verhandlung, kein Prozess und was noch schlimmer ist – keine offizielle Anklage. Fadenscheiniger Vorwurf: Abdessami Abdelhai soll dem Herausgeber der verbotenen Tageszeitung Jaridati – Hicham Aboud, am 10. August 2013 zur Flucht nach Tunesien verholfen haben. Hicham Aboud verneint dies jedoch. Abdelhai selbst arbeitet hauptsächlich beim regionalen Radiosender in Tebessa, schreibt jedoch auch für diverse Zeitschriften, unter anderem bestand auch Kontakt zur besagten verbotenen Tageszeitung Jaridati. Der Journalist befindet sich seit November im Hungerstreik, wie lange sein Körper dies noch durchhält ist fragwürdig – er ist Diabetiker. Eine Bitte durch Reporter ohne Grenzen – an die algerischen Behörden, den Fall entweder zu bearbeiten oder Abdessami Abdelhai – aufgrund bestehender Rechtslage – freizulassen, wurde bisher ignoriert.

Fall 2 – Kamel Daoud:

Aufruf zur Tötung (Fatwa) des Journalisten und Autors Kamel Daoud, durch selbsternannten Salafistenführer Abdelfatah Hamadache.

Nein nicht zufällig wird genau in Zeiten der Wirtschaftskrise ein neuer Konflikt entfacht, ein Konflikt zwischen Ethnien. Der Ölpreis ist im Keller, Preise für Lebensmittel steigen ins Unermessliche und irgendwie muss man von dem Desaster des eigenen Versagens ablenken. Was ist da nicht passender als die Menschen auf religiösem Wege gegeneinander aufzuhetzen? Kamel Daoub war in den letzten Wochen des Öfteren Gast im französischen Fernsehen, er äußerte sich über die Kolonialzeit, über die Arabisierung Algeriens und darüber, dass es oft die Religion ist die zu Spannungen in der arabischen Welt führt. Des Weiteren sagte er: „ Ich bin Algerier, kein Araber.“ Ist er – beispielsweise als Kabyle – nicht berechtigt dazu dies zu sagen? Es gibt die verschiedensten Volksgruppen in Algerien und nicht jeder ist Araber oder zählt sich dazu, ebenso wenig wie jeder dort Muslim ist. Man kann ihm, aus religiöser Sicht, seine Aussagen übelnehmen, die entscheidende Frage ist nur: Wer ist diese Person, die ihm seine Aussage ankreidet und zu einer Fatwa gegen ihn aufgerufen hat? Wie sichere Quellen berichten, so ist Abdelfatah Hamadache seit langem ein Agent des algerischen Geheimdienstes DRS. Unter falscher Identität wurde Hamadache 1990 in die Kreise der Islamischen Heilsfront – FIS eingeschleust, sein Name: Abdelfatah Berriche oder aber auch bekannt als Abu Suleiman. Entscheidende Aussagen hierzu machte ein ehemaliger Offizier namens Ahmed Chouchane. Chouchane wurde 1992 wegen seiner Sympathie für die FIS verhaftet und ins Berrouaghia-Gefängnis geworfen. In besagtem Gefängnis saßen ausschließlich politische Gefangene sowie Islamisten. Der Offizier entdeckte die wahre Identität von Hamadache in einer manipulierten Gefangenenmeuterei. Das Ziel war es, die außergerichtliche Beseitigung vieler Führungskräfte der FIS zu rechtfertigen. In seinem 2012 online veröffentlichtem Buch erklärt Ahmed Chouchane die explizite Rolle von Hamadache in diesem Spiel. (Quelle KalimaDZ)
Fall 3 – Salim Salhi:

Journalist Salim Salhi wird durch privaten Fernsehsender Numidia News TV denunziert. Der Vorwurf an Salhi: Er steht den Islamisten nahe und wir über sie finanziert, damit er Lügen über Algerien verbreitet.

Salhi war noch bis vor ein paar Monaten Chefredakteur, bei dem in London ansässigen Fernsehsender Al Magharibia, warum er diesen Sender verlassen hat ist unklar. Definitiv klar jedoch ist, dass der ebenfalls private Fernsehsender Al Magharibia kein Blatt vor den Mund nimmt und das Dinge, wie: Misswirtschaft, Korruption und auch Menschenrechtsverletzungen in Algerien von Salhi klar benannt wurden. Jetzt – als freischaffender Journalist, ist Salhi quasi nicht mehr durch seinen damaligen Arbeitgeber geschützt und man kann sich auf ihn stürzen. Salhi hatte zudem Anfang März an einer Demonstration – vor der algerischen Botschaft in London – gegen eine vierte Amtszeit von Staatschef Bouteflika teilgenommen. Fotos auf Facebook belegen dies. Einen der Kommentare, unter seinen Fotos, möchte ich gerne zur Unterstreichung meines Artikels hier einfügen:
„Nabila Sahi tu prends trop de risque salim“(Du gehst ein zu großes Risiko ein Salim)
5. März um 21:09 · Gefällt mir

Die Strafe folgte auf dem Fuße. Für seine Dreistigkeit zahl der ehemalige Chefredakteur nun die Quittung. Wie mir eine sichere Quelle bestätigte, ist der Fernsehsender Numidia News TV ein vom algerischen Geheimdienst finanzierter Sender in Genf. Dessen Aufgabe ist es algerische Staatspropaganda zu verbreiten und Menschen wie Salhi zu denunzieren: Opposition, freie Meinungsäußerung, Regimekritiker – unerwünscht! Salhi hat Numidia News verklagt – 3 Klageschriften in zwei Ländern, eine der Gerichtsverhandlungen findet heute in Genf statt.
Ich habe diese drei recht unterschiedlichen Fälle ausgewählt, um die Tragweite darzustellen. Der eine, der ohne klare Anklage seit Monaten im Gefängnis schmachtet, der andere, der – von einem als Salafistenführer getarnten Geheimdienstagenten, besser heute als morgen umgebracht werden soll und ein Dritter, der als Journalist selbst im Ausland verfolgt wird. Die Frage, die sich mir gerade stellt, ist: Wie kann es möglich sein – was Fall drei belegt, dass sich ausländische Geheimdienste – aus Ländern die keinerlei Demokratiebestreben zeigen – auf europäischen Boden ihr Nest bauen und unbehelligt Staatspropaganda betreiben können?

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