Algeriens Süden in Aufruhr: Ist das Maß jetzt voll?

ain salah 28.2.Von Birgit Manzke

Seit der Präsidentschaftswahl – im April 2014, war es ruhig in Algerien, zu ruhig, gespenstisch ruhig. Nur ein paar wenige Demonstrationen im Süden des Landes – gegen eine geplante Schiefergasförderung, waren 2014 aus dem größten Land Afrikas zu vernehmen. Es erweckte fast den Anschein, dieses stolze und willensstarke Volk hätte sich seinem Schicksal ergeben und würde seine Regierung nach Gutdünken schalten und walten lassen, denn nach der Präsidentschaftswahl war klar: Es wird sich nichts ändern, jedenfalls nichts zum Positiven und nichts in naher Zukunft. War diese Ruhe nur die Ruhe vor dem Sturm? Seit einigen Wochen nimmt der Widerstand der Bevölkerung gegen nunmehr erfolgte Schiefergasbohrungen zu, jetzt auch vermehrt mit Unterstützung aus der Politik bzw. aus den Reihen der Opposition. Am 24. Februar waren in mehreren Städten Algeriens Demonstrationen. Die Demonstration in Algeriens Hauptstadt Algier, wurde angeführt von den Parteivorsitzenden verschiedenster Oppositionsparteien. Kein Ende in Sicht: Samstag den 28. Januar kam es in und um In Salah – Provinz Tamanrasset, im Süden des Landes, zu heftigen Auseinandersetzung zwischen Polizei, Gendarmerie und Protestlern. Der Aufstand der Bevölkerung hielt bis in die frühen Morgenstunden des Folgetages an. Ausschlaggebend war der Besuch einer Delegation des US-Konzerns Halliburton an diesem WochenendeHalliburton ist eine international agierender Öl-Servicefirma, dessen Basis in Algerien sich ca. 6 km von In Salah entfernt befindet. Halliburton und Schlumberger (Schlumberger hat u.a. eine Hauptgeschäftsstelle in Paris und Den Haag) wirken in Zusammenarbeit mit dem algerischen Ölkonzern Sonatrach.

Wikipedia zu Halliburton: „Halliburton stand auf Grund fragwürdiger Geschäfte mit Ländern wie Libyen, Irak und Iran in den letzten Jahren vermehrt in der Kritik der Öffentlichkeit. Der ehemalige US-Vizepräsident Dick Cheney war 1995–2000 Vorstandsvorsitzender von Halliburton. Durch „verzögerte Zahlungen“ erhielt Dick Cheney 2005 von Halliburton 211.465 US-Dollar, wohingegen er für seine Regierungstätigkeit als Vizepräsident 205.031 US-Dollar verdiente. Halliburton bekam für den Irak ohne öffentliche Ausschreibung Exklusivverträge von der US-Regierung auf der Basis eines Kostenzuschlagvertrages (Cost-plus contract) zugesprochen. In einer von Wallstreet Journal und dem Marktforschungsunternehmen Harris Interactive durchgeführten Umfrage, in der nach dem Ruf bekannter Unternehmen gefragt wurde, belegte Halliburton den letzten Platz in Bewertungen für ethische Standards und Vertrauen. Einige Befragte scholten das Unternehmen für das Ausnutzen politischer Kontakte, um vom Irak-Krieg zu profitieren.“

Der zunächst friedlichen Demonstration wurde mit Einsatz von Gummigeschossen und Tränengas brutal entgegengewirkt. Schneeräumfahrzeuge – welche nach Recherchen des Bayerischen Rundfunks (report München) von Hartmann Spezialkarosserien aus Deutschland stammen und bei Unruhen in Ghardaia zum Einsatz kamen, wurden auch in In Salah gegen die Demonstranten eingesetzt. Trauriges Fazit dieses Wochenendes: Zahlreiche Verletzte, sowohl auf Seiten der Demonstranten als auch auf Seiten der Sicherheitskräfte. Bis die Situation sich beruhigt hat herrscht in In Salah Ausnahmezustand, Schulen und öffentliche Einrichtungen wurden vorübergehend geschlossen. Der Einsatz des Militärs bei Demonstrationen ist neu und kam seit der Revolution Anfang der 90er nicht mehr vor. Weist dieser Einsatz auf eine neue Dimension von Gewalt hin? Nach Meinungen von Experten, werden sich die Demonstrationen über den gesamten Süden des Landes ausbreiten, aber auch der Rest des Landes wird sich solidarisch zeigen. Tragisch ist, dass Algerien Fracking für den Eigenbedarf nicht nötig hätte – da noch genügend Erdöl und Erdgas vorhanden ist, und das Frankreich seine schmutzigen Finger im Spiel hat. In Frankreich ist Fracking verboten und irgendwoher muss das Erdöl und Erdgas ja kommen, insbesondere nach den Anspannungen zwischen der EU und Russland. Frankreich, der ehemaliges Kolonialherr, welcher über 130 Jahre das Land ausgebeutet hatte, Frankreich, verantwortlich für den Tod von 1,5 Mio. Algeriern während des Befreiungskrieges, Frankreich, ein Herrscher der Atomtests in der algerischen Sahara durchgeführt hatte – von dessen Folgen die Bevölkerung sich bis heute nicht erholt hat. Die algerische Regierung ist mit dem Fracking-Vertrag zwischen Algerien und Frankreich definitiv zu weit gegangen. Nicht nur die Schande, dass Algeriens Staatsoberhaupt seine Wehwehchen in Frankreich auskurieren lässt, nein, jetzt auch noch das. Kann man sein Volk mehr demütigen? Aber was wird es für Deutschland und die EU bedeuten, wenn der Konflikt in Algerien weiterhin anschwillt? Man wird unter den Verbündeten der EU versuchen seine Öl-und Gaslieferungen zu sichern und die algerische Regierung unterstützen. Die algerische Bevölkerung, welche sich zurecht gegen die Ausbeutung ihres Landes wehrt, wird uns vermutlich seitens der Politik und der Medien als Terroristen präsentiert, gegen die man unbedingt vorgehen muss. Algerien, ein Land was kaum jemand hier kennt und doch ist es uns näher als so manch einer glaubt. Nur ein paar Seemeilen trennen Algerien von der französischen Küste. „Wir unterstützen keine Schurkenstaaten mit Waffen,“ heißt es aus der Politik und doch werden 980 deutsche Panzer demnächst in Algerien gefertigt – die nötige Fertigungsfabrik wurde gleich mitverkauft. 2 Fregatten und 5 Hubschrauber aus deutscher Hand darf Algerien seit Kurzem sein Eigen nennen und Spezialkarosseriebau Hartmann bezeichnet Algerien  für seine Polizeiausstattungen – wie Polizeitransporter und umgebaute Schneeräumfahrzeuge, als einen seiner besten Kunden seit über 30 Jahren. Deutschland, schon mittendrin im vielleicht Unvermeidlichen und das obwohl längst bekannt ist, dass Menschenrechte in Algerien mit Füßen getreten werden. Berichte von Amnesty International und anderen Menschenrechtsorganisationen sind ohne Relevanz, wenn es um Waffengeschäfte geht, von der die eigene Wirtschaft profitiert. Video 1: In Salah/Bohrstation. Bitte einfach mal darüber nachdenken ob Europa berechtigt ist seinen Lebensstandard auf Kosten anderer zu sichern: https://www.youtube.com/watch?v=TkNvzc36zqk Video 2, In Salah 28.02.2015.  https://www.youtube.com/watch?v=jX6xB7f4IWY Video 3, In Salah 1.03.2015 https://www.youtube.com/watch?v=Xpa5Nw92vGE  Fotostrecke In Salah: https://www.youtube.com/watch?v=5TnKejonHU8 WICHTIGE Videos, leider nur auf Facebook abrufbar: https://www.facebook.com/video.php?v=858587520850789   https://www.facebook.com/video.php?v=835890276478293&pnref=story https://www.facebook.com/video.php?v=447798352036728&pnref=story https://www.facebook.com/video.php?v=851763211555345&set=vb.798695820195418&type=2&theater

Nachtrag 3.03.: Bekannt nun auch Demonstrationen in Ouargla,Ghardaia, Illizi,Tamanrasset, Adrar und Metlili (Süden)

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